Jens Lubbadeh: Unsterblich

Jens Lubbadeh: Unsterblich. München Januar 2016: Wilhelm Heyne Verlag, ISBN-10 3-453-31731-9, ISBN-13 978-3-453-31731-4, Paperback mit Klappenbroschur 13,6 cm x 20,5 cm x 3,6 cm, 447 Seiten, 14,99 EUR

Jens Lubbadeh: Unsterblich

Benjamin Kari, Angestellter des Dienstleisters Fidelity, zertifiziert Ewige, d. h. er überprüft, ob die Software des Konzerns Immortal die Persönlichkeit eines Verstorbenen korrekt emuliert. Die dafür nötigen Daten werden von einem am Handgelenk implantierten Lebenstracker aufgezeichnet. Liegen ausreichende Mengen an Informationen vor, könnnen auch Verstorbene ohne Lebenstracker zu Ewigen gemacht werden. Die Ewigen als reine Softwareemulation interagieren mit den realen Menschen über einen gesetzlich vorgeschriebenen Hirnchip, der die virtuelle Realität aus den Servern Immortals direkt in das Gehirn der Menschen einspeist. Dabei verfügen die Ewigen nicht über eine eigenständige Persönlichkeit und ein Ich-Bewußtsein und können sich auch nicht weiterentwickeln. Durch den Hirnchip können die Menschen auch als virtuelle Avatare an anderen Stellen der Erde und sogar auf dem Mars erscheinen. Da Kari Marlene Dietrichs Ewigen zertifiziert hat, wird er mit den Nachforschungen beauftragt, als die Dietrich plötzlich unauffindbar ist. Dazu muß Kari physisch nach Berlin reisen und trifft dort die Immortal-kritische Reporterin Eva Lombard. Die beiden kooperieren bei den Nachforschungen, weil Eva Kari unter Druck zu setzen versteht. Kurz darauf behauptet Reuben Mars, ein ehemaliger Immortal-Mitarbeiter, Immortal habe die Dietrich gelöscht und manipuliere Politiker-Ewige zum eigenen Vorteil.

Jens Lubbadeh verwendet guten Stil und eine klare, flüssig zu lesende Sprache. Der Roman weist einen durchgängigen Spannungsbogen auf und hat nur wenige wirkliche Längen.

Benjamin Kari wird sehr gut charakterisiert, seine Aktionen sind nachvollziehbar, vielleicht mit Ausnahme des Endes, wo er mehr vom Trotz gelenkt zu sein scheint. Eva Lombard wird ebenfalls gut dargestellt, die restlichen Protagonisten einschließlich Reuben Mars bleiben eher zweidimensional. Die Szene zwischen Mars und seiner mit 14 Jahren verewigten Schwester Sharon (S. 126 - 137) soll wohl die Triebfeder für das Handeln des Renegaten liefern, ich vermag aber nichts dergleichen darin zu finden, wohl weil die Argumentation um Mars' Ziele nicht rational, sondern auf emotionaler Ebene geführt wird. Immerhin werden hier die Möglichkeiten und Sperren der Ewigen plastisch illustriert. Etwas seltsam finde ich, daß die meisten Protagonisten vom Autor in den Erzählabschnitten mit Nachnamen bezeichnet werden (z. B. Kari, Mars, Gibson), die Protagonistin Eva Lombard aber mit dem Vornamen.

Thematisch scheint »Unsterblich« zunächst lediglich eine weitere Geschichte über virtuelle Realität und das Weiterleben der menschlichen Persönlichkeit im Computer zu sein. Bei genauerem Hinlesen finden sich jedoch einige deutliche Unterschiede zur genretypischen Herangehensweise. Zunächst fällt auf, daß die Ewigen nur Computersimulationen sind, sie haben weder Selbstbewußtsein noch die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, was die Ewigkeit ziemlich sinnlos erscheinen läßt. Es zeigt sich dann auch, daß zur Erstellung eines Ewigen weder das Gehirn des Menschen gescannt noch seine Persönlichkeit auf irgendeine Art in den Computer transferiert wird, stattdessen wird die Emulation anhand von Video- und Audiodaten erstellt. Diese können mit speziell dafür entwickelten Lebenstrackern aufgezeichnet werden, jedoch können auch Verstorbene ohne Lebenstracker verewigt werden, wenn von ihnen ausreichend Videoaufzeichnungen vorliegen. Auf Seite 286 Läßt der Autor Reuben Mars sagen, bereits die Daten eines Jahres reichten, um die Persönlichkeit eines Menschen so gut zu extrapolieren, daß selbst enge Angehörige keinen Unterschied wahrnähmen. Da stutzt Jens Lubbadeh die menschliche Eitelkeit gehörig zurecht.

Ich kann überhaupt nicht verstehen, wieso nahezu alle Menschen Unsummen dafür ausgeben, sich nach dem Tod verewigen zu lassen, wenn dieser Ewige letztlich nichts weiter ist als ein lebloses Computerprogramm, eine Art interaktiver Film bzw. Computerspiel? Das Ich stirbt, und an seine Stelle wird ein statisches Etwas gesetzt, daß sich seiner nicht bewußt ist. Da hab ich doch nichts von. Das geht mir nicht in den Kopf, und damit fällt die Grundprämisse des Buches. Kann natürlich sein, daß ich mich zur verschrobenen Minderheit wie Lars von Trier zählen muß...

Spoilerwarnung!

Eine wichtige Eigenschaft der Ewigen wie der Avatare ist ihre reine Virtualität - sie werden von Servern errechnet und per Hirnchip direkt im menschliche Gehirn in die Sinneswahrnehmungen eingespeist, folglich können sie von Personen ohne Hirnchip und normalen Kameras nicht gesehen werden. Die physische Manifestierung, die Marlene Dietrich auf der Kameraaufzeichnung im Thermopolium und einige weitere Ewige am Ende des Buches zeigen, ist also unmöglich, folglich widerspricht Jens Lubbadeh hier seiner selbstgeschaffenen Welt. Ich vermute, es soll ein Symbol dafür sein, daß sich das Bewußtsein des veränderten Ewigen manifestiert, nur befindet sich dieser nicht dort, wo er von den Hirnchipträgern gesehen wird, sondern in einem Server und könnte sich, würde man die physishe Manifestation eines Bewußtseins überhaupt für möglich halten, nur in diesem Server manifestieren.

Die Entfernung von Karis Lebenstracker, um von Immortal nicht mehr ortbar zu sein, ist logisch inkonsequent, denn diese Ortung ist genausogut über den Hirnchip möglich - schließlich ortet Gibson Mars über dessen Hirnchip-Aktivitäten. Nur läßt sich der Hirnchip nicht selbst entfernen, und selbst wenn er abgeschaltet wird, dürfte Immortal genug kriminelle Enerie aufweisen, um dies umgehen zu können - schließlich liefert Immortal die Hirnchips. Abgesehen davon darf Kari den Hirnchip gar nicht abschalten, da er dann nicht mehr mit Mars' Ewigem kommunizieren könnte. Da hat sich der Autor in eine Lage manövriert in der er die Stringenz seiner Welt nicht mehr gewährleisten kann, ohne die Geschichte zu einem verfrühten Ende zu bringen.

Die Überlegungen des Immortal-Gründers Deepak Prakash, aus denen er eine Bewußtwerdung der Ewigen verhindern will und Politiker-Ewige maipuliert, sind interessant. Leider leibt es im Roman dabei, daß Prakash ein Böser mit gutem Grund ist - hier verschenkt Jens Lubbadeh viel erzählerisches und philosophisches Potential. Stattdessen werden sie nur kurz dargelegt und danach nicht weiter verfolgt, Mars und letzlich auch Kari verfolgen stur weiter ihr Ziel, ohne dafür einen rationalen Grund vorweisen zu können. Daraus läßt sich schließen, daß die Emotionalität über die Rationalität siegt, was genau Prakashs rationale Gründe bestätigt. Eigentlich hat also die falsche Seite obsiegt und kann nun fröhlich damit fortfahren, die Menschheit sich selbst zerfleischen zu lassen.

Spoilerwarnung Ende.

Normalerweise halte ich mich nicht groß mit dem Cover eines Buches auf - es dient zur Identifikation und damit der Umschlag nicht so leer ist. :-) In diesem Fall möchte ich die genial-schlichte Graphik von Gino Faglioni herausstellen, die beim Betrachter mit einfachsten Mitteln Assoziationen an Marlene Dietrich und Computern weckt. Toll!

Gefallen hat mir »Unsterblich« ganz gut, es ließ sich flüssig lesen und war spannend, konnte mich aber nicht wirklich überzeugen. Das dürfte zum einen daran liegen, daß der Roman im Kern ein Krimi ist und ich Krimis einfach nicht mag, der andere wichtige Grund sind die inneren logischen Fehler in der Geschichte (genauer erläutert im Bereich der Spoilerwarnung).

Fazit: Ein gut geschriebener Roman mit einem genialen Cover, aber leider auch inneren Widersprüchen. Dafür gewinnt er dem Thema Weiterleben im Computer eine neue Facette ab. Durchaus empfehlenswert.


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Erstellt am Donnerstag, den 25.08.2016 von Martin Stricker.
Zuletzt geändert am Do, den 25.08.2016 um 22:12.