Oliver Henkel: Wechselwelten

Oliver Henkel: Wechselwelten. Books on Demand / Accra 2004, ISBN 3-8334-1535-5, Paperback, 13,98 Euro

Oliver Henkel: Wechselwelten

Ein neunter Oktober

Mo 09.10.1989: Aus der ganzen DDR zusammengezogene bewaffnete Einheiten warten in Leipzig auf die Ankunft der Montagsdemonstranten.

Es hat damals wirklich nicht viel gefehlt, um Henkels Geschichte wahr werden zu lassen. Das sollten all jene, die jetzt der SED- oder einer anderen Diktatur nachtrauern, nie vergessen!


Der Adler ist gelandet

Der lübische Kaufmann Hinrich Staacke trifft im Feldlager Ihrer Katholischen Majestät Isabella von Kastilien auf den Genuesen Cristoforo Colombo.

So hätte es durchaus kommen können, ist Kolumbus doch schon bei mehreren Herrschern gewesen, bevor Isabella sich bequatschen ließ. Allerdings glaube ich nicht, daß die lübischen Kaufleute das Gold ignoriert hätten, allerdings wären sie wohl nicht ganz so missionseifrig gewesen als die Spanier. Nette Geschichte!


...auf daß er die Menschen erlöse

Jesus von Nazareth wurde an Pilatus ausgeliefert. Judas Ischariot überkommt Reue.

Grins! Wie leicht sich doch ein »todsicherer« Plan vereiteln läßt... Sehr schöne Geschichte!


Kalifornia Dreaming

Joseph Goebbels ist ein großer Fan von Walt Disney.

Herrliche kleine Vignette in Briefform, in der jedes Wort sitzt! Meiner Meinung nach die zweitbeste Geschichte dieser Collection.


Mr. Lincoln fährt nach Friedrichsburg

1857 fährt Rechtsanwalt Abraham Lincoln nach Friedrichsburg (Charleston) in der preußischen Provinz Karolina (South Carolina), um dort einen entflohenen US-Sklaven zu vertreten.

Genial! Hier zeigt sich Henkel wieder von seiner besten Seite: Bekanntes wird in einer leicht veränderten Zeitlinie betrachtet, wobei der Schwerpunkt nicht auf der Ursache der Veränderung, sondern in deren Auswirkungen auf uns bekannte Persönlichkeiten und Ereignisse liegt. Außerdem nimmt sich der Autor hier etwas Zeit, Lincoln zu charakterisieren. Die beste Geschichte des Buches, absolut lesenswert!


Die Unsterblichkeit des Harold Strait

Harold Strait ist ein junger Student, der an den ersten Zeitreiseexperimenten teilnimmt. Dann kommt er auf die Idee, seinem Namen ein Denkmal zu setzen...

Nette Geschichte über Zeitparadoxa.


Aus den 'Symposien' des Nikandros von Athen: Dialog XIV, auch bekannt als »Zweites Gastmahl des Sophronios«

Alexander der Große überlebt seine schwere Krankheit und rüstet nun zum Krieg gegen das Bündnis Karthago-Rom.

Die Geschichte wird in Form eines Dialogs zweier Gelehrter dargestellt, wie sie in der Antike häufig verwendet wurden (Platon etc.). Dadurch wird das Ganze leider ziemlich langatmig. Ansonsten gute Idee und Umsetzung!


Schon bei Henkels Romanen ist mir aufgefallen, daß er Probleme hat, seine Charaktere mit Tiefgang zu zeichnen, und daß es ihm Schwierigkeiten macht, sich auf die wesentliche Handlung zu konzentrieren. Die Tatsache, daß er seine Bücher ohne Hilfe professioneller Lektoren quasi im Selbstverlag (Books on Demand) herausgebracht hat, zeigt, über welch großes Talent er verfügt. Trotzdem wäre er gut beraten, seine Werke von professioneller Seite gegenlesen zu lassen, denn sie leben vor allem von seinen hervorragenden Ideen und sind durchaus verbesserungswürdig! Bezeichnend ist hier auch, daß die Kurzgeschichten, die unmittelbar den Knackpunkt der Geschichte darstellen, nicht wirklich überzeugen können - hier macht sich die unzureichende Charakterisierung der Protagonisten besonders bemerkbar. Die beiden deutlich nach dem eigentlichen Schlüsselereignis spielenden Geschichten sind da deutlich besser - zum einen lenkt der teils recht sonderbare Hintergrund ab, zum anderen hat sich Henkel die Zeit genommen, Lincoln besser zu charakterisieren.

Fazit: Oliver Henkel legt nach zwei jeweils mit dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichneten Romanen (»Die Zeitmaschine Karls des Großen« und »Kaisertag«) jetzt eine Sammlung von Kurzgeschichten vor, aus der »Mr. Lincoln fährt nach Friedrichsburg« für den Deutschen Science Fiction Preis nominiert wurde. Auch hier zeigt sich wieder, daß es deutlich anspruchsvoller ist, eine Kurzgeschichte zu schreiben als einen Roman - der Roman verzeiht einen gelegentlichen Durchhänger in der Handlung, die Kurzgeschichte jedoch nicht, denn hier zählt jedes Wort, und es bleibt nur wenig Raum, Protagonisten und Umfeld stimmig zu zeichnen. »Kalifornia Dreaming« und »Mr. Lincoln fährt nach Friedrichsburg« tragen dieser Tatsache Rechnung und sind beides hervorragende Geschichten, die anderen sind leider eher mittelmäßig. Trotzdem bietet das Buch gutes Lesevergnügen und ist zu empfehlen.


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Erstellt am So, den 06.02.2005 von Martin Stricker.
Zuletzt geändert am So, den 10.08.2008 um 22:01.