Harald Buwert [Hrsg.]: Zeitspur 2

Harald Buwert [Hrsg.]: Zeitspur 2. deutschsprachigZeitSpur/deutschsprachigFabylon-Verlag, ohne ISSN/ISBN, geklammertes Heft 20,8 cm x 29,8 cm (ca. A4), 48 Seiten, 2,80 Euro

Folgende SF-Geschichten sind enthalten:

Folgende Sekundärbeiträge (sowie diverse verlagsinterne Informationen) sind enthalten:


Edgar Güttge (Pseudonym): Drei Minuten Warnzeit

Zindy setzt versehentlich einen Gasriesen in Brand, während sie ein Sonnenbad auf dem Solarsegel ihres Raumschiffs nimmt. Glücklicherweise ist die Feuerwehr gut organisiert...

Diese Geschichte gehört zu dem Teil von Güttges Werk, das ich gern als »grotesk« bezeichne: Die Protagonisten, über deren phyische Erscheinung bewußt keine Informationen gegeben werden, können ohne Schutz im Vakuum existieren, und der verwendete Humor ist recht ungewöhnlich. So langsam beginne ich, Geschmack an diesen Geschichten zu finden. »Drei Minuten Warnzeit« ist ein besonders gelungenes Stück dieser Art.

Hans Jürgen Kugler: Ausgebrannt

Ein Atomwaffenversuch geht schief...

Gute Geschichte, eindringlich erzählt. Die Idee ist nicht neu, aber gut und konsequent umgesetzt.

Stefan T. Pinternagel: Double-Health

Ein Mann mit Lungenkrebs geht in eine Spezialklinik, in der ihm ein Lungenflügel von seinem Ich aus einer Parallelwelt eingepflanzt wird.

Genial gemachte Geschichte, in der die beiden parallelen Ichs ihre Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes parallel erzählen - die Geschichte funktioniert nur im Zweispaltsatz.

Volker Hagelstein: Pfade der Seele

Eine Gesellschaft macht Reinkarnationserlebnisse kommerziell nutzbar...

Gut gemachte Geschichte, in der der Autor gekonnt eine ganze Reihe von Fragen aufwirft, die sich aus multipler Reinkarnation ergeben.

Hans Jürgen Kugler: Lockvogel

Ein Mann erwacht mit einer Lücke im Gedächtnis.

Interessante Idee, wie selektive Gedächtnislöschung genutzt weden kann.

Edgar Güttge (Pseudonym): Welche ist näher...

Ein Murmelspiel, möglicherweise vom Ende des Kinofilms »Men in Black« inspiriert. Abgesehen möglicherweise vom Ende keine SF.

Frank Stoiner (Pseudonym): Hunger auf Krgfs

Der trottelige Tausend-Sterne-Koch Japp Fox soll die ca. 50 Billionen Einwohner des Planeten Krgfs vor dem Hungertod retten - keine leichte Aufgabe...

Sehr humorige und auch abstruse Geschichte, die mir viel Spaß gemacht hat.

Hans Jürgen Kugler: Schlimmer als der Tod

Es gibt ein Leben nach dem Tod! Aber die Ewigkeit dauert ziemlich lange...

Nett gemachte Geschichte über die Frage, wie man sich die Zeit in der Ewigkeit vertreibt.

Thomas Berger: Die Palme

Die Erde wird von Beben und Flutwellen erschüttert, die Landmassen versinken im Meer. Es ist buchstäblich die Luft raus...

Nette Idee, die Konversation mit dem Reporter ist allerdings zu aufgebläht, das nervt schließlich ziemlich. Tja, der Ordnungswahn der Frauen... ;-) Übrigens ist mir neu, daß das Paradies im Iran liegen soll - ich kenne nur die Stelle im Irak südlich von Bagdad, aber von der ist nach dem ersten Golfkrieg (Überfall von Saddam Hussein auf den Iran) nicht mehr viel übrig.

Bei den Sekundärartikeln sind »Science und Fiction - die lächerliche Literatur?« von Wolfram Kober sowie »Social Fiction« von Harald Buwert hervorzuheben, die sich beide mit der Zukunft der Science Fiction auseinandersetzen. Beide kommen, wenn auch aus unterschiedlichen Richtungen, zur Schlußfolgerung, daß die SF in ihrer bisherigen Form nicht überleben wird, sondern sich in eine andere Literaturform umorientieren muß. Die beiden Autoren haben nicht unrecht, aber die SF ist längst nicht so tot, wie ihr nachgesagt wird, was ich als Komiteemitglied des DSFP hautnah spüre. Sie ist bloß nicht mehr so profitabel wie noch vor 10 Jahren. Was beide Autoren leider übersehen: SF ist wie alle anderen Medsien auch ein Produkt der jeweiligen Zeit für die jeweilige Zeit. Die SF war immer dann am besten, wenn die die Probleme der jeweiligen Zeit in ein anderes Umfeld übertragen hat, wo der Konsument dann sozusagen vorurteilsfrei über eine Lösung nachdenken konnte - und mit viel Glück dann auch für sein reales Leben übernahm. Die Zeiten ändern sich, die Literatur ändert sich mit. Von der teils na´ven Technologiebegeisterung der 50er und 60er Jahre sind wir in eine Zeit gekommen, in der alles Neue erst einmal mißtruisch beäugt wird - es *könnte* ja negative Auswirkungen haben (der Trend kehrt sich übrigens wieder um - Technik war dieses Jahr beliebtestes Weihnachtsgeschenk, und ernstzunehmende Warnungen vor den Auswirkungen von Elektrosmog werden ignoriert). Außerdem sind wir besonders in Deutschland gerade in einer sehr depressiven Stimmung (Jammertal trifft die Sache exakt), die nicht gerade Mut macht, in die Zukunft zu schauen - die kann ja nur noch schlimmer werden. Also sucht man lieber eskapistische Literatur - Verschwörungstheorien, Fantasy, aber auch einen Teil der Science Fiction, nämlich die Space Opera. In einer Galaxie weit weit weg ist man sicher vor den eigenen Problemen... Ein Teilbereich der Space Opera, die Military SF, hat derzeit einen Höhenflug, auf den immer mehr Autoren (vor allem in den USA, aber auch in Andreas Brandhorsts Kantaki-Zyklus finden sich Anleihen davon) aufspringen. So gesehen schwimmt Bushiboy mit seinem »Krieg gegen den Terror« nur mit dem Trend, der bereits Ende der 80er einsetzte. Der andere, bessere und innovativere Teil der SF war schon immer unterrepräsentiert, denn es ist sehr schwer (eher unmöglich), die technische und gesellschaftliche Entwicklung vorauszusagen, wie Wolfram Kober in seinem Artikel treffend zeigt. Auch die geschickte Verlagerung aktueller Prooleme in die Zukunft oder andere Welten ist ein schwieriges Unterfangen, will man nicht durch einen allzu deutlich erhobenen Zeigefinger den Konsumenten vergraulen. Trotzdem gibt es Autoren, die sich an diese schwierigen Stoffe wagen, und die Science Fiction ist ein hervorragendes Vehikel für derartige Gedanken - mag auf den Produkten nun explizit dieses Label kleben oder nicht. So, jetzt bin ich weit über eine Besprechung hinausgeschossen, aber das mußte ich einfach loswerden! Hinweis: Es gibt auch ein Weblog, in dem dieses Thema weiterdiskutiert werden kann: http://zom.twoday.net/

Fazit: Einige nette Geschichten, aber nichts überragendes. Von der Machart her sticht Double-Health von Stefan T. Pinternagel hervor, aber die Geschichte als solche ist nur gutes Mittelmaß. Vom Gehalt an interessanten Denkanstößen hat mir »Pfade der Seele« von Volker Hagelstein gut gefallen. Die zwei oben erwähnten Sekundärartikel sind unbedingt lesens- und vor allem nachdenkenswert und das Beste an diesem Heft!


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Erstellt am Mo, den 03.01.2005 von Martin Stricker.
Zuletzt geändert am Mio, den 21.12.2005 um 17:52.